schnitzel

Mit 14 Jahren habe ich aufgehört Fleisch zu essen.

 

In erster Linie, weil mich die industrialisierte Herstellung, der unmoralische Umgang mit den Tieren und die Anonymisierung des Herstellungsprozesses ankotzte. Immer wenn ich Bärchenwurst sah, die mich anlächelte, musste ich an das Tier darin denken, das garantiert nicht gelächelt hatte, während es auf einem Transporter quer durch Deutschland gekarrt wurde. Also erklärte ich meiner Mutter kurzer Hand, dass ich nur noch Dinge äße, die ich selbst zu töten in der Lage sei.

 

Dabei ist mir eines wichtig: Ich verurteile keine Karnivoren!

Auch ich esse einmal im Jahr Wildschwein und ab und zu Lachs.

Ich fahre Auto, töte dadurch Insekten und schlage die Bremsen tot, die mein Pferd beißen wollen.

Dazu stehe ich. Und dennoch bin ich voller Respekt dem Leben gegenüber.

Jedem Leben.

 

Unsere Gesellschaft lagert den Tod und die Geburt weitestgehend aus.

Wir sterben nicht mehr in unseren Familien und gebären in Krankenhäusern.

Warum sollten wir uns dann also mit dem Tod eines Schweines beschäftigen?

 

Aus Entscheidungsfreiheit.

Frei entscheiden kann nur derjenige, der weiß, wofür oder wogegen er sich entscheidet. 

Mich interessierte die Handlung des Schlachtens ebenso, wie der psychologische Aspekt.

Wie würde ich mich danach fühlen? Schuldig, integer, traurig, hungrig?

 

In Magdeburg bekam ich die Gelegenheit, eine Hausschlachtung zu begleiten.

Dankbar für diese Möglichkeit und ein wenig aufgeregt, packte ich meine Kameratasche.

 

Im Morgengrauen erreichte ich den Hof.

Alles war ruhig. Nur eine Katze strich mir schnurrend um die Beine.

Der Schnee im Innenhof lag jungfräulich weiß am Boden.

Der Schlacht-Trupp trank Kaffee in der Stube.

Es gab den ersten Kurzen - es sollte nicht der Letzte sein.

 

"Schnitzel", so hieß das Schwein, das an diesem Tag geschlachtet werden sollte, wurde aus der Box gelassen.

Auf dem Hof schöpfte es Verdacht und wollte fliehen. Die Männer agierten schnell.

Sie banden Schnitzel am Hinterbein fest, der Schlachter setzte den Bolzenschuss. Ein Aufschrei.

Dann:

 

Stille.

 

Aus dem beseelten Tier wurde Materie.

Emsig begannen die Männer mit ihrer Arbeit.

Schlachten ist ein Handwerk - vielleicht sogar eine Kunst.

Das Blut wird abgepumpt, die Borsten abgefackelt und mit Glocken abgerieben.

Danach wird das Schwein in Einzelteile zerlegt, die Eingeweide gekocht und Wurst hergestellt.

 

Ich fotografierte alles. Hinter meiner Kamera versteckt waren meine Emotionen sicher abgeschottet.

Meine Neugierde dirigierte. Es ist wirklich spannend, wie ein Tier zerlegt wird:

Ist das Schwein doch anatomisch gesehen das uns am nächsten stehende Lebewesen.

Erst als ich den Geruch der kochenden Eingeweide wahrnahm, wurde mir leicht übel.

Als ich am Abend über den Bildern saß, musste ich weinen.

 

Ich weinte nicht unbedingt um Schnitzel. Vielleicht ein bisschen.

Vor allem aber weinte ich um all die Tiere, die eingepfercht zu Fabriken gekarrt werden,

um dort am Fließband unter Stress und Angst respektlos hingerichtet zu werden.

Ich weinte um die ganzen Menschen, die nichts zu essen haben, weil die Welt-Politik es nicht schafft,

den Hunger durch vernünftige Landwirtschaft und weniger "Fleischanbau" zu stoppen.

Ich weinte um die Empathie und Entscheidungsfreiheit, die Kinder nie entwickeln dürfen, wenn sie mit lächelnder Bärchenwurst groß werden.

Kommentare: 1
  • #1

    Mel (Freitag, 07 Juni 2019 07:39)

    Wow, ich könnte es nicht. Auch nicht hinter der Kamera. Und da erkennt man deine Berufung ❤️